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Ein Achttausender für Goldberg

Die Chopin Gesellschaft in Vorarlberg hat sich personell neu aufgestellt und präsentiert ein schönes Programm für die neue Saison, das einerseits Lehrende und Studierende des Landeskonservatoriums Auftritte ermöglicht, aber auch mit internationalen Interpreten Impulse von außen zulässt. Den Auftakt der neuen Reihe bildete ein so ehrgeiziger wie rundherum gelungener Abend mit Bachs „Goldberg Variationen“ am Freitag. Wahrhaftig ein „Achttausender“ der Klavierliteratur, wie Anselm Hartmann bei seiner Begrüßung dieses Werk nannte. Benjamin Engeli hat ihn auf beeindruckende Art erklommen.

Es sind durchaus plausible Argumente, die die Geschichte um die Entstehung der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach ins Reich der Legende verweisen, doch sie ist, wenn nicht wahr, doch gut erfunden. Graf Hermann Carl von Keyserlingk, ein Gönner Bachs, litt an Schlaflosigkeit und bat den Komponisten und Stücke „sanften und etwas munteren Charakters“, die ihm sein Hausmusikus Johann Gottlieb Goldberg des Nachts vorspielen sollte. Bach schuf daraufhin ein Gipfelwerk der Klavierliteratur, das seither die Musikdenker beschäftigt, denn es ist unerschöpflich sinnreich, was seinen Aufbau und seine Symbole, vor allem seine Zahlenverhältnisse betrifft, dazu ist es für die Pianisten eine Herausforderung an Spieltechnik und Durchhaltekraft. Benjamin Engeli, seit wenigen Jahren Professor am Konservatorium in Feldkirch, spielte diese Aria mit dreißig Variationen nicht nur technisch untadelig, er schaffte es auch, bei jedem der Stücke den ganz besonderen Charakter herauszuschälen. Das tat er mit beispielhafter Klarheit, sodass man, unterstützt durch seine Erklärungen zu Beginn des Konzerts und mittels des gut gearbeiteten Programmheftes, diesem komplexen Werk ohne Ermüdung folgen konnte. Diese Interpretation hat einen starken Eindruck gemacht und jeden, Interpret wie Hörer, verändert – niemand ist aus diesem Saal genauso heraus gegangen, wie er hineingekommen ist. Ich selbst habe mich ähnlich gefühlt wie damals, als ich in der Kathedrale von Chartres das Labyrinth abgegangen bin und schließlich die Mittelrose erreicht habe – ein Gefühl also, einmal wieder ein markantes Stück seines spirituellen Weges bewusst weitergegangen zu sein.

 

 

 

 

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