„Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach ist seit Samstag im Spielplan des Theaters Sankt Gallen. Im Mittelpunkt Startenor Rolando Villazón.
Unsre Mütter und Großmütter bekamen glänzende Augen bei der Nennung des Operntitels „Hoffmanns Erzählungen“, denn die Barkarole daraus zählte zu den beliebtesten Opernhits überhaupt. Ebenso löst der Name Rolando Villazón Entzücken aus, erreichte doch der mexikanische Tenor an der Seite von Anna Netrebko 2005 mit Verdis „La Traviata“ bei den Salzburger Festspielen und danach mit der Verfilmung von Puccinis „La Bohème“ ein Publikum weit über die Fachgrenzen hinaus. Beste Voraussetzungen also für die Saisoneröffnung in Sankt Gallen mit Jacques Offenbachs einziger Oper und dieser Starbesetzung? Dem Jubel nach mehreren Musiknummern sowie den Standing Ovations am Ende nach zu schließen ging für das Publikum die Rechnung auf. Nun weiß man aber, dass „Hoffmanns Erzählungen“ zwar von Offenbach konzipiert und teilweise komponiert wurde, nach dessen Tod aber in die Hände mehrerer unterschiedlich agierender Bearbeiter geriet. Somit gibt es in Sankt Gallen eine eigens für hier erarbeitete Fassung zu erleben, bei der etwa die Rolle von Hoffmanns vierter Geliebter, der Sängerin Stella, gestrichen wurde. Und man weiß, dass Rolando Villazón nach einer Stimmkrise nie mehr seine einstige Weltklasse erreicht hat. Zwar bewältigt er die anspruchsvolle Titelpartie musikalisch tadellos, doch singt er nur noch laut, Differenzierung von Dynamik und Klangfarben sowie tenoraler Schmelz, das war einmal. Doch Villazón ist ein Theaterblut von nach wie vor großer Bühnenpräsenz, sich auf seine immerhin respektablen Ämter als Intendant der Salzburger Mozartwoche und als künstlerischer Leiter der Internationalen Stiftung Mozarteum zu beschränken sowie seine Tätigkeit als Regisseur zu verfolgen, kommt für ihn offenbar nicht in Frage. Bleiben hier also Wünsche der Gesangsfreaks offen, so werden diese vom übrigen Ensemble umso mehr erfüllt. Zu nennen ist da neben weiteren Jennifer Panara als Muse, Eva Langeland Gjedre mit brillanter Koloratur als Olympia sowie als Giulietta, Sylvia D’Eramo als Antonia oder Andrew Foster-Williams als Bösewicht in verschiedenen Gestalten. Handwerklich bieder, aber nicht ärgerlich kommt die Regie von Guta Rau herüber. Erstaunlich eigentlich, denn gerade die mechanische Puppe Olympia würde nahelegen, die Inszenierung in Richtung humanoide Roboter zu lenken, so wie sie auch die skurrilen Szenen beziehungsweise das durch alkoholischen Rausch gesteuerte Verhalten des Titelhelden sehr heutig deuten, oder mehr noch, es in einer KI-gelenkten Zukunft ansiedeln hätte können. Das Bühnenbild von Isabel Kittnar variiert die Idee eines Skizzenbuchs des Dichters E.T.A. Hoffmann, um den es in dieser Oper ja geht. Die Kostüme von Mara Lena Schönborn greifen die Ästhetik der Entstehungszeit des Werkes auf. Im Falle der Olympia beziehungsweise der Giulietta, beide gegeben von Eva Langeland Gjerde, hätten sie vorteilhafter ausfallen können.
Endlich sei das Orchester gerühmt, das mit schönen Instrumentalsoli aufwartet und die an vielen Stellen wirklich hitverdächtige Musik Offenbachs wunderbar zur Geltung bringt. Der Chor bewältigt seine umfangreiche Partie mit Präzision und Können und ist maßgeblich am musikalisch hohen Niveau der Aufführung beteiligt. Der österreichische Dirigent Michael Zlabinger hat die gesamte Aufführung bestens im Griff. Im Spielplan bis Mai 2027.
Eva Langland Gjerde privat fotografiert von Caroline Olava Halvorsen
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