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Premiere Theater Sankt Gallen

Wir alle sind Gezeichnete?

Die Saison im Theater Sankt Gallen beginnt mit einer Rarität: Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten. Die Besetzung hat Vorarlberg-Bezüge. Martin Summer aus Feldkirch gehört nun fix zum Ensemble des Theaters,  Regisseur Antony McDonald kennen wir von seinen Seebühnenproduktionen La Bohème und Maskenball. Diese hat er damals zusammen mit Lichtdesigner Wolfgang Goebbel gemacht, der in Sankt Gallen ebenfalls mit von der Partie war, und in Zusammenarbeit mit Richard Jones, der diesmal im Publikum war.

Es gehört Mut dazu, dieses Werk auf den Spielplan zu setzen, denn es erzählt vom heiklen Thema der körperlichen Behinderung, vor allem von den mentalen Blockaden, die ein so „Gezeichneter“ im Umgang mit Sexualität erlebt. Im Falle des Genueser Adeligen Alviano Salvago nimmt sie monströse Formen an. Er errichtet ein Liebesparadies, wohin Mädchen verschleppt werden, um dort einem Klüngel von Adeligen zu Willen zu sein, er selbst nimmt an den Orgien nicht teil. Auch das vordergründig so selbstbewusste Carlotta ist einen Gezeichnete. Sie fürchtet, dass ihr schwaches Herz einen Liebesakt nicht überstehen würde. Daher sublimiert sie ihre Triebe als Künstlerin– nicht nur hier Lässt Siegmund Freud grüßen – und malt den behinderten Alviano Salvago, in den sie sich verliebt hat. Diese Szene im Ateliers Carlottas, wo Salvago die Schwäche seiner Freundin mittels eines Gemäldes erkennt, ist der Höhepunkt der auch sonst gut gearbeiteten Regie. Ein Gezeichneter ist auch Tamare, denn er ist getrieben von Erotomanie. Seine finale Auseinandersetzung mit Alviano ist packend, allerdings wäre zu fragen, ob die sonst überzeugende Regie dem ohnehin schwierigen Frauenbild dieses Stückes noch eines drauf setzen und die veschleppten Mädchen in enge Käfige sperren musste. Überzeugend aber ist, den erotomanen Männerklüngel als Burschenschaft zu zeichnen und die Handlung aus der Renaissance in die Zeit um 1920 zu verlegen. Diese Epoche hat ja so manches grundgelegt, an dem wir uns heute noch abarbeiten, und somit sind wir doch alle Gezeichnete. Ohne Schwachpunkt präsentierte sich die große Sängerriege. Zuerst ist da Claude Eichenberger als Carlotta zu nennen mit höhensicherem Mezzo und einer starker Bühnenpersönlichkeit, dann der Alviano von Andreas Conrad, der seine Behinderung weniger durch Äußerlichkeiten als durch eine spannende Charakterzeichnung nahebringt wie auch Jordan Shanahan seine Manie vor allem in explosiven Gesang legte. Die musikalische Gesamtleitung hatte Michael Balke inne. Die Partitur, deren Klangbild Richard Strauss nahe kommt, hätte mehr Zartheit vertragen. Das Orchester knallt, daher verlieren auch die Steigerungen an Wirkung. Der Chor bewältigte seine heikle Partie gut und zeigte das beklemmende Bild einer lenkbaren Masse.

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