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Henry Arnold über seine Inszenierung von Mozarts “La clemenza di Tito” am Vorarlberger Landestheater

 

Henry Arnold

Im letzten Jahr inszenierte der deutsche Regisseur und Schauspieler Henry Arnold Beethovens Fidelio. Auch in diesem Jahr zeichnet er wieder für die Regie der Oper am Kornmarkt verantwortlich, und diese ist La clemenza di Tito – Die Milde des Titus von Mozart. Arnold erzählt schmunzelnd, dass er im letzten Jahr eigentlich dauernd in Österreich war. Denn neben den Vorbereitungen zur Inszenierung der Mozart-Oper – diese liefen nahtlos seit dem Fidelio – war er als Schauspieler in den Paulus Manker –  Produktionen Die letzten Tage der Menschheit von  Karl Kraus und Alma von Joshua Sobol beschäftigt, die im Sommer 2020 wieder aufgenommen werden.

A.M.: La clemenza di Tito ist aus Anlass der Krönung  von Kaiser Leopold II. im Jahr 1791 entstanden. Es ist ein uraltes Libretto, das, wie Mozart in seinen Werkkatalog schreibt, „in eine richtige Oper“ umgearbeitet wurde.

H.A.: Caterino Mazzolà, Dichter am Wiener Hof, hat das Libretto für Mozart neu bearbeitet. Das ursprüngliche Buch von Pietro Metastasio war  circa sechzig Jahre alt und wurde in dieser Zeit über vierzig Mal vertont.

Haben Sie eine Erklärung, wieso die Kaiserin diese Oper als „porcheria tedesca“, als „deutsche Schweinerei“, bezeichnet haben soll.

(Lacht.) Nun, darüber kann man nur spekulieren. Es stecken in diesem Stück sehr viele grundsätzliche Fragen über das richtige Herrschen, wie sich Herrschaft begründet. So glatt wie es in der Barockoper war, ist es bei Mazzolà und Mozart nicht mehr, es ist sehr viel komplexer und brüchiger. Und es geht in diesem Stück auch ganz klar um die Liebe, um erotische Verwicklungen, Obsessionen, Abhängigkeiten. Das hört man auch in der Musik, die Mozart nach den  Erfahrungen mit den Da Ponte Opern geschrieben hat. Das könnte die Kaiserin schon zu ihrer angeblichen Aussage veranlasst haben.

Der historische Titus war ja brutal, er ist unter anderem verantwortlich für die Zerstörung Jerusalems. Und der Titus in Mozarts Oper ist milde, eigentlich zu milde.

Die brutale Vergangenheit des Titus, bevor er Kaiser wurde, kommt in der Oper nicht vor. Auch in unserer Inszenierung berücksichtigen wir sie nicht, denn wir haben ein junges Ensemble, wollen also dem jungen Darsteller des Titus eine solche Vergangenheit nicht aufbürden. Für mich ist dieser Titus auf starke Weise ein Suchender, er sucht nach der richtigen Form des Herrschens. Kann man durch Macht und Unterdrückung herrschen, wie es ihm geraten wird, etwa von Publius, seinem Adlatus? Oder geht es über seinen Weg des Verständnisses, ja sogar über die Liebe zu seinem Volk? Das Verzeihen und die Milde des Titus sehe ich nicht als Schwäche, sondern als ein geradezu stures Beharren auf einem Prinzip, das er auf keinen Fall aufgeben will. Unserem heutigen Verständnis von  Herrschaft, in der sich Macht nicht in einer Hand bündelt, sondern ethischen Prinzipien verpflichtet ist und kontrolliert wird, entspricht das wesentlich mehr. Wir dürfen nicht vergessen, dass 1791 die Französische Revolution bereits stattgefunden hat. Das Volk ist der Souverän,die Macht geht vom Volke aus. Wobei es heute wieder starke Tendenzen gibt, sich darüber hinweg zusetzen, wie man es beispielsweise in den USA unter  Donald  Trump erleben muss.

Schafft Titus nicht durch seine radikale Milde auch ein Machtvakuum?

Die Machtverhältnisse im Rom der damaligen Zeit sind grundsätzlich sehr fragil. Diese Herrscher mussten  ständig mit einem Attentat oder Anschlag rechnen. Vielleicht darum will Titus  diesen anderen Weg gehen, denn wenn eine Herrschaft nur auf Unterdrückung und Gewalt aufgebaut ist, bricht sie irgendwann zusammen. Das zeigt auch die jüngere Geschichte.

Für die Bregenzer Aufführung haben Sie eine besondere Fassung für die Rezitative erarbeitet, deren Komposition Mozart ja einem Schüler überließ.

Beim Herangehen an dieses Werk hat mich beunruhigt, dass die Rezitative die Heftigkeit, die Emotionen und die Gewalttätigkeit der Auseinandersetzungen zwischen den Figuren nicht transportieren. Da die Rezitative nicht von Mozart sind, ersetzen wir sie durch gesprochenen Dialoge.

Auf Deutsch?

Ja deutsch, gesungen wird aber italienisch. Es wird aber auch italienisch gesprochen, und wir haben  Elemente aus den Rezitativen belassen, die dann auch auf Italienisch gesungen werden .

Sie haben auch zwei Schauspieler besetzt?

Genau, die doppeln die beiden zerrissenen Figuren. Vitellia und Sextus. Die beiden Schauspieler bringen sich vor allem während der Rezitative beziehungsweise Dialoge ein.

Noch ein Wort zur Musik. Sie, Herr Arnold, sind ja sehr musikalisch, spielen gut Klavier. Für mich ist die Oper musikalisch wahnsinnig schön.

Das sehe ich genauso, zum Beispiel das Quintett mit Chor am Ende des ersten Aktes, das weist  auf Mozarts Requiem voraus. Und viele wirklich grandiose Arien und Ensembles.

Ich versteh nie genau, warum der Titus dem Mord entkommt, wird da ein anderer umgebracht?

Das Libretto erzählt von einer Verwechslung, aber auch dieser andere wird nicht umgebracht, der Mord schlägt fehl. Also Sextus hat niemanden getötet , er wollte es nur. Ich empfinde diese Passage tatsächlich als eine Schwachstelle in der Dramaturgie dieser Oper. Wir haben dafür eine besondere Lösung gefunden, die will ich aber nun nicht verraten.

Sextus und Vitellia sind ja sehr komplexe Charaktere, hingegen sind Servilia und Annius recht nette, brave Leutchen. Oder doch nicht?

Nun, Servilia tritt selten auf. Aber immerhin tut sie etwas Besonderes: sie lehnt sich gegen den Willen des Titus auf. Er will sie ja heiraten und sie schlägt seine Werbung aus. Man stelle ich vor, sie geht zu einem Diktator ins Büro und sagt, ich will das nicht. Das könnte auch nicht gut ausgehen. Sie zeigt eine ganz klare Haltung, ist durchaus eine starke Figur.

Und Annius?

Dessen Funktion  ist innerhalb des Stückes wohl am schwersten zu verstehen, anders als Publius, der ganz klar die Gegenposition zu Titus vertritt. Annius ist eher auf Seiten des Titus wie auch des Sextus.

Am Beginn des zweiten Aktes rät Annius dem Sextus, sich zu stellen, sich zu entschuldigen….

…auf die Milde des Titus zu vertrauen, ja!

Gibt es Pläne für eine nächste Oper mit Ihnen in Bregenz?

Nein, zweimal ist erst einmal  genug, es soll mal ein Anderer oder eine Andere hier arbeiten. Was aber nicht heißen soll, dass ich nicht wahnsinnig gerne hier arbeite, hier am Haus und mit unserem phantastischen Ensemble.

Besten Dank für das Gespräch!

 

 

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