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Eugen Onegin am Opernhaus Zürich

Eugen Onegin in Zürich als Seelendrama

Am Opernhaus Zürich wird seit Sonntag eine Inszenierung von „Eugen Onegin“ gezeigt, die viele Versionen dieser so beliebten Oper Tschaikowskis turmhoch überragt. Regisseur Barrie Kosky, der soeben gefeiert wurde wegen seiner fabelhaften „Meistersinger“ in Bayreuth, hat bei Onegin den Seelenzustand der Protagonisten ins Zentrum gerückt. Hingegen hat er die eher vordergründigen Szenen wie das Duell oder die Polonaise ins Off verlegt. Vielleicht, weil sie bei so manchem Zuseher zu sehr im Gedächtnis haften würden oder auch so manche unfreiwillige Komik hervorrufen könnten. Fast durchwegs spielt die Handlung in freier Natur, auf einer ländlichen Wiese (keinem englischen Rasen!) mit Bäumen im Hintergrund – naturalistisch und doch irgendwie eine Traumlandschaft. Das ist wunderschön, wird zudem unterstrichen von den Farben der Kostüme. Die Naturnähe suggeriert die Ausgesetztheit der Ereignisse, die fernab der Konvention sind: die Seelen liegen blank. Ein inneres Drama wird somit hautnah erlebbar, das sich nahe der Inwendigkeit von Literatur bewegt, und diese ist in „Onegin“ ja vielfach präsent, durch die Affinität von Tatjana zu Büchern und durch die Präsenz der Dichtung Puschkins, die der Oper zugrunde liegt. Pure Poesie strömt auch aus dem Orchestergraben, wo mit ungemein eleganten Bewegungen, großer Flexibilität und Zartheit der junge russische Dirigent Stanislav Kochanovsky waltet. Da werden so berührende Momente wie die leisen Töne der Sängerin Olga Bezsmertna in Tatjanas Briefszene möglich. Bezsmertna ist eine Idealbesetzung, überzeugend in der Bescheidenheit und Zurückhaltung dieses jungen Mädchens, welche sie auch noch ausstrahlt, als sie Jahre später Fürstin Gremina ist. Onegin wird vom in dieser Rolle sehr erfahrenen Peter Mattei gegeben. Er gibt dieser zerrissenen Figur herrische und verführerische Züge zugleich, wie er auch den zerbrochenen Charakter zeigen kann. Großartig auch Pavol Breslik als Lenski, erschütternd in der Szene vor dem Duell, das er nicht überleben wird. Doch hat diese Oper auch heitere Züge, gegeben durch Mutter Larina von Liliana Nichiteanu und die Amme von Margerita Nekrasova. Und köstlich das Couplet des Monsieur Triquet alias Martin Zysset. Wenn es auch kein Duell und keine Polonaise gab, eine Hit-Nummer dieser Oper wird voll ausgekostet: die Arie des Gremin, mit wunderschön tiefen Bass gesungen von Christoph Fischesser. Eine Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts wird somit für unsere Zeit erlebbar, nicht durch platte Aktualisierung, sondern durch das Herausschälen des Wesentlichen. Die Reise nach Zürich lohnt sich.

 

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