Gesangskunst in Perfektion; Das Barockorchester Concerto Stella Matutina (CSM) lud nach drei Jahren wieder den brillanten Countertenor Nicolò Balducci ein.
Magie, Erotik, exotische Prinzessinnen und kühne Ritter, das sind die Ingredienzen des Versepos „Orlando furioso“ von Ludovico Ariosto. Erstmals 1516 veröffentlicht, war es gleichsam der „Harry Potter“ dieser Epoche, in der die Menschen die Entdeckung neuer Erdteile durch Kolumbus oder Vasco da Gama verarbeiten mussten und in der das osmanische Reich Bedrohung und Faszination gleichermaßen bedeutete. Ariost verlegte seine weit verästelte Geschichte in die Zeit der Kreuzzüge, und Orlando ist ein liebestoller Ritter, „Orlando furioso“ also, oder zu Deutsch „Der Rasende Roland“. Natürlich waren diese Geschichten der ideale Stoff für die Gattung Oper, die in dieser Epoche des Barock ihren ersten Höhepunkt erlebte. Keiner der vielen Komponisten der damaligen Zeit zwischen Neapel, London, Paris und Sankt Petersburg kam an Orlando vorbei, und somit gibt es für Sängerinnen und Sänger ein unerschöpfliches Repertoire aus Arien, die mit intensivem Ausdruck und großer Virtuosität die Gefühle dieser Charaktere aufscheinen lassen. Insbesondere sind es die hohen Männerstimmen, Countertenöre oder Sopranisten, die das Fach der heute selbstverständlich nicht mehr vorhandenen Kastraten vertreten. Einer von ihnen ist Nicolò Balducci, der nun erneut das Publikum in der Kulturbühne am Bach am Freitag und Samstag zu Begeisterungsstürmen und Standing Ovations hinriss. Dieses schlanke Süditaliener verfügt über einen stupenden Stimmumfang sowohl in Sopranhöhen als auch ins dunkle Register, und das alles in wohlklingender, kraftvoller Fülle – eine Seltenheit selbst bei den sehr prominenten Vertretern dieses Stimmfachs. Doch Balducci singt diese ausdrucksstarken Arien nicht nur. Er kauert als vermeintlich von seiner Geliebten Verlassener buchstäblich am Boden zerstört (Georg Friedrich Händel: „Scherza infida), er bezirzt lebhaft die, ihn auf der Traversflöte wunderbar begleitende Angelika Gallez (Vivaldi: „Sol da te“), und er rast auf und ab und schleudert dabei Koloraturen in den Saal, wie man sie selten hört, denn seine Atemtechnik und sein „Messa di voce“, also die lang gehaltenen, dynamisch gestalteten Töne, sind unüberbietbar. Das CSM, vom Pult aus geleitet von Thomas Platzgummer, begleitet den temperamentgeladenen Gesang und steuert Suiten aus „Orlando“-Opern von Jean Baptiste Lully und Agostino Steffani bei. Zwei Zugaben gab es, darunter ein zauberhaftes Lied aus Balduccis Heimat Apulien, bei dem Lautenist Thomas Boysen dem Sänger zur Seite war. Bei all diesem Feuerwerk der Gesangskunst bleibt doch eine gewisse Leere zurück. Denn die Kunst Nicolò Balduccis ist vor allem Selbstdarstellung und überbordendes Temperament. Eine tiefere Durchdringung der Inhalte, gar eine Beseeltheit, muss man, zumindest weitgehend, vermissen. Auch die sonst so sprühende Moderation Thomas Platzgummers griff an diesem Abend nicht wirklich. Jedoch macht dies das Programmheft wett, einmal mehr herausragend geschrieben von Lucas Schurig-Breuß. Das Programm wurde gestern, Sonntag, auch im Canisianum Innsbruck gegeben.
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