Am Rande der Proben auf dem See trafen wir den Regisseur Damiano Michieletto, der Verdis „La Traviata“ inszeniert und auch den Film „Vivaldi und ich“ geschaffen hat, der derzeit in den Kinos läuft. Das Gespräch führte Anna Mika in italiensicher Sprache.
AM: Maestro Michieletto, die Bühnenskulptur zeigt einen zerbrochenen Spiegel, Sinnbild für das Leben der Protagonistin Violetta Valéry. Wenn Sie mit dieser Handlung dieses Leben zwischen der glamourösen Welt des ersten Akts und dem Sterben am Ende erzählen, interessiert Sie dabei auch der moralische Aspekt? „La Traviata“ heißt ja „die vom rechten Weg abgekommene“?
DM: Es ist die Gesellschaft, die Violetta zu einer Kurtisane macht, sie ist ein Opfer der Gesellschaft, in der sie lebt. Der Titel „La Traviata“ zitiert das öffentliche Urteil, das über Violetta gefällt wird. Es gibt ja den Punkt in ihrer Bio, wo sie ihr Leben vollständig ändert. Als Sie Alfredo trifft, kehrt sie Paris den Rücken, lebt mit ihm auf dem Lande. Mich interessiert vor. allem Violettas Traum von einem glücklichen Leben in Ruhe und in Liebe.
AM: Aber dieser Traum erfüllt sich leider nicht, das Ende der Handlung ist traurig. Sie geben in Ihrer Regie aber einen Hoffnungsschimmer.
DM: Ja, denn die Musik schafft die Aura einer Neugeburt, vielleicht sogar eines Wunders. Während ihres Todes erlebt sie den Traum von Glück. Es kommen Bilder des liebevollen Zusammenseins mit Alfredo.
AM: Kommen in Ihrer Inszenierung Alfredo und Vater Germont wirklich zurück zu Violetta oder geschieht das nur in Violettas Vorstellung.
DM: Es geschieht in Wirklichkeit.
AM: Sie und Ihr Team haben die Handlung in die Roaring Twenties, die Jahre nach 1920 verlegt. Ist es diese Partystimmung in dieser Zeit, die Sie dazu veranlasst hat?
DM: Genau das. Wir wollten eine Atmosphäre der Öffnung, der Freiheit und auch der Frivolität schaffen. Wir zeigen eine Gesellschaft, die nie schläft, die sich dem Vergnügen und der Ekstase hingibt. Aber diese Atmosphäre bringt auch Zynismus und Grausamkeit mit sich. Denn wenn Du Teil dieser Partygesellschaft bist: gut. Aber wenn Du nicht dabei bist, bist Du eine Null. Wenn Violetta mit Alfredo aus Paris weggeht, kümmert sich kein Mensch mehr um diese Beiden. Erneut wird Violetta ein Opfer, denn niemand weiß über ihre Krankheit, und niemand interessiert sich für diese. Sie selbst sagt es nicht, denn ihre wahre Befindlichkeit würde diesen Glamour nur stören. Wenn Du nicht mehr so schön, so perfekt bist, gibt es gleich jemanden anderen, der schön, jung und sexy ist.

AM: In nahezu allen Opern Verdis gibt es eine Vaterfigur, die zumeist störend auf das Glück eines Paares einwirkt. Hier ist es Vater Germont. Gibt es einen biografischen Grund, warum das bei Verdi so zentral ist?
DM: Diese Frage beschäftigt mich auch. Wir haben das in Aida, wo die Intervention des Vaters fatale Folgen hat. Oder Rigoletto, der es zwar gut mit seiner Tochter meint, aber es ist letztlich er, der ihren Tod verschuldet. Hier bei „La Traviata“ will der Vater verhindern, dass Violetta und Alfredo heiraten, weil dies die Ehre der Familie gefährdet. In allen diesen Handlungen wird eine Tragödie herbeigeführt, weil eine Person die Entscheidungen der jüngeren Generation nicht wahrhaben will. Mehr noch, der Vater belastet diesen Sohn, diese Tochter mit moralisierenden Vorwürfen.
AM: Aktuell läuft in den Kinos ein Film, in dem Sie Regie geführt haben: „Vivaldi und ich“. Auch hier ist es eine Frau, die selbst ihr Leben gestalen will.
DM: Nun, diese Cecilia ist schwer mit Violetta zu vergleichen. Cecilia ist ein Waisenkind, lebt in diesem Ospedale, das von Vivaldi geleitet wird. Ihr Fehler ist zu denken, dass sie sich daraus befreien kann. In der damaligen Gesellschaft, also Venedig um 1700, war das aber nicht möglich. Sie hatte quasi den Wunsch, das Leben einer heutigen Frau zu leben.
AM: Der Film folgt einem Roman. Ist die Handlung des Films denn historisch?
DM: Historisch ist das Ospedale und sein Leiter Vivaldi. Aber über die Mädchen dort weiß man rein gar nichts. Sie sind Waisen, haben keine Familie, haben nur einen Vornamen. Der zweite Name ist der des Instrumentes, Anna Maria del Violino zum Beispiel. Diese Mädchen müssen auf ihren Instrumenten sehr gut gewesen sein. Vivaldi hat für sie komponiert, und diese Stücke sind hoch anspruchsvoll.
Vielen Dank für das Gespräch und toitoitoi für die Produktion auf den See!
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