Auch bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen erleben wir eine große, verdiente Sängerin, Anne Sofie von Otter, geboren 1955. Die Krone traf sie am Rande der Proben zu „Passion of the Common Man“, einem szenischen Oratorium, das heute Abend auf der Werkstattbühne Premiere hat.
Frau von Otter, „Passion of the Common Man“ ist ein weltliches Oratorium von Daniel Bjarnason und Royce Vavrek. Um was geht es?
Es ist ein Blick in die nahe Zukunft. Die technischen Möglichkeiten beherrschen die Menschen. Menschlichkeit und Gefühle sind nicht mehr erwünscht. Allen geht es die ganze Zeit gut. Trauer oder Kummer darf es nicht mehr geben. Doch die drei Soli haben ganz starke Geschichten dazu, sie zeigen sehr wohl Gefühle.
Ihre Rolle ist mit der des Evangelisten in den Passionen Johann Sebastian Bachs vergleichbar.
Meine Partie ist erzählend und erklärend. Tatsächlich bin ich so etwas wie ein weiblicher Evangelist. Eine vergleichbare Partie habe ich kürzlich in Schweden gegeben. Offenbar schätzt man meine erzählende Art zu singen. Natürlich ist die ganze Anlage der „Passion of the Common Man“ mit Johann Sebastian Bach in Verbindung. Es erklingt sogar Bachs Musik, etwa der Choral „Komm, süßer Tod“.
Wie klingt die Musik sonst?
Sie ist, finde ich, sehr schon, keineswegs abstoßend. Es gibt auch elektronische Elemente.
Wenn es in diesem Werk um die KI und dergleichen geht, wie stehen sie persönlich dazu?
Das alles bringt große Vorteile mit sich und hat eine große Kraft. Aber ich halte diese Entwicklung für sehr gefährlich. In unserer DNA ist seit Millionen Jahren die Menschlichkeit manifestiert, und nun soll eine technische Macht über uns herrschen. Ich mag gar nicht zu viel darüber nachdenken.
Sie sind nicht zum ersten Mal in Vorarlberg, denn sie waren über Jahre ein Fixstern bei der Schubertiade.
Genau! Mehrmals habe ich Konzerte in Feldkirch gegeben, ein wunderbarer Saal und so reizend, mit dem Fluss daneben. Dann war ich immer wieder in Schwarzenberg und habe mich auch dort sehr wohl gefühlt. Eine liebliche Landschaft, die Berge nicht zu hoch und die Täler nicht zu tief, und ebenfalls ein sehr guter Saal. Doch es wäre schön, wenn es das Programm sich etwas öffnen würde, wobei ich die Liebe und Treue von Herrn Nachbauer zu Schubert verstehe.
Gerade Sie haben immer wieder frischen Wind mitgebracht. Etwa mit ihrem Programm „Schwedischer Mittsommer“ oder den Liedern aus dem KZ Theresienstadt. Überhaupt haben Sie auch auf Ihren CDs mit Pop-Künstlern wie Elvis Costelleo oder Benny Anderson von ABBA zusammengearbeitet. Auch Ihr Liederabend „Douce France“, den sie am 5.August in Bregenz geben, hat ein besonderes Programm.
Ich singe dort im ersten Teil französische Chansons und Mélodies, im zweiten Teil schwedische Volkslieder und Songs aus den 1920er Jahren. Seit kurzem gibt es eine CD mit diesem Programm. Es spielt das Orchester der Komischen Oper Berlin.
Auch in Wien hat man Sie viel gehört, vor allem in der Oper.
An der Staatsoper Habe ich vor allem den Rosenkavalier mit Carlos Kleiber gemacht, dann den Idamante in Mozarts Idomeneo und den Komponisten in Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos. Einige Rollen, so fünf oder sechs, habe ich dann am Theater an der Wien gegeben, unter anderem 2008 die Türkenbab in Strawinskis „The Rakes Progress“ mit Nikolaus Harnoncourt. Es war meine einzige Opernproduktion mit Harnoncourt, den ich sehr schätze, er hat unsere Generation und auch die nachfolgende geprägt, hat uns gelernt, ganz neu und ganz genau zu hören.
The Rakes Progress war ja eine echt provozierende Regie von Martin Kušej. Alice Harnoncourt nannte sie „pornografisch“. Es scheint, dass Sie besondere Rollen nicht ungern darstellen. So arbeiten Sie ja auch immer wieder mit Christoph Marthaler zusammen.
Die Türkenbab hat mir Spaß gemacht, muss ich gestehen. Und mit Marthaler singe ich im Frühjahr in einer neuen Produktion in Basel. Sie nennt sich „Himmelwärts“ und bringt Barockmusik der strengeren, kirchlichen Art, etwa von Buxtehude.
Toitoitoi und vielen Dank für das Gespräch!
Foto: Anne Sofie von Otter mit Mittsommerkranz: Webseite der Künstlerin
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