Beim Abokonzert des Originalklangorchesters Concerto Stella Matutina stand einmal mehr die strahlende Bläsergruppe im Zentrum.

Musikfreunde wissen, wer Claudio Monteverdi war. Aber wer war Giovanni Valentini, Stefano Bernardi oder Johannes Baptista Tolar? Sie alle, und acht weitere Komponisten des Programmes des CSM beim aktuellen Abokonzert freitags und gestern, waren Schüler von Giovanni Gabrieli. Dieser Herr Garbieli aus Venedig hat, was wenige wissen, die Musikgeschichte entscheidend vorangebracht, hat an der Wende von der Renaissance zum Frühbarock die Instrumentalmusik, die bis dahin vor allem zur Begleitung von Gesängen diente, als eigene Kunstform etabliert. Das klingt nach grauer Theorie, doch das Concerto Stella Matutina schaffte es wieder einmal, aus diesen Fakten einen mitreißenden Konzertabend zu gestalten. Dass diese Musik vor allem für die großen Kathedralen wie San Marco in Venedig oder den Salzburger Dom komponiert ist, mag man gerne im Hinterkopf haben, denn meist ist sie antiphonal konzipiert. Das heißt, zwei oder gar mehrere Gruppen stehen einander gegenüber und liefern sich sozusagen ein Frage-Antwort-Spiel, was natürlich durch die mehrfach vorhandenen Emporen in den genannten Domen einen großen Effekt hatte. In der Kulturbühne AmBach in Götzis befanden sich alle Musiker auf der Hauptbühne, man konnte aber die so genannte Mehrchörigkeit gut wahrnehmen, denn es wurde sehr transparent musiziert und sehr klar phrasiert. Zu danken ist das der musikalischen Leitung dieses Konzerts, Frithjof Smith, der das Publikum auch gleich mit einem typischen Blasinstrument dieser Epoche vertraut machte, dem Zink. Somit waren er und sein Kollege Gebhard David Teil der großen Bläsergruppe aus Trompeten, Posaunen und Dulcian, die einer kleineren Gruppe aus wenigen Streichern, unterstützt von einer Trompete, gegenüberstand. Die letztgenannte Gruppe bildete auch einen angenehm ruhigen Kontrapunkt zu den machtvoll strahlenden Bläsern, vor allem in den Werken Giovanni Valentinis, der – auch das eine Neuerung dieser Epoche – den Aspekt menschlicher Gefühlsregungen hörbar werden ließ. Und natürlich gab es den Basso Continuo, ohne den Barockmusik nicht denkbar ist. So lernte man in diesem Konzert allerhand Musiktheorie, die aber nie trocken herüberkam. Auch nicht in den Moderationen, die sich Thomas Platzgummer und Frithjof Smith teilten und in denen der Zinkenist schilderte, wie das antiphonale Musizieren in ganz Europa Furore machte und so eine Art Kulturexport blühte. Das heißt, dass italienische Musiker an viele Fürstenhöfe Deutschlands und Österreichs geholt wurden. Was für eine Zeit, in der Musik von solcher Schönheit einen Hype auslöste!
In meinem Blog hänge ich gerne persönliche Erlebnisse an, die mit dem Konzert in Berührung stehen. Mit der venezianischen Mehrchörigkeit konnte ich eine faszinierende Erfahrung machen, und zwar bei einer Tournee, die ich im September 1976 durch verschiedene Kirchen im Veneto absolvierte. Wir waren eine kleine Chorgruppe aus Salzburg, je zehn Sängerinnen und Sänger auf fünf Stimmen verteilt, und das also doppelchörig. Die Soli kamen von der New York City Opera, der Dirigent war Neville Jenkins, den man damals den „amerikanischen Harnoncourt“ nannte. Das Orchester kam aus Venedig. Finanziert hat das alles ein reicher Amerikaner, dessen Ehefrau eine der – sehr guten – Soli war. Wir sangen im Dom von Castelfranco, von Treviso und im Kloster Follina jeweils eine Vesper von Francesco Cavalli, Aufführungsdauer dreieinhalb Stunden, Beginn der Konzert 22h. Eine extreme Woche in vieler Hinsicht.
Zum Bespiel auch, dass unsere Flexibilität sehr gefordert wurde. Denn Neville Jenkins war ein lieber älterer Herr, der von uns als Chor sehr begeistert war. Jedoch hat er nie kapert, wo Chor 1 und wo Chor 2 stand, und er gab immer der entgegengesetzten Gruppe den Einsatz. Wir haben das schnell erfasst und die Aufführungen klappten vorzüglich.
Foto Lilli Löbl
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