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Sankt Gallen: Aida jenseits von Raum und Zeit

Eine wunderbare Aufführung gelang dem Theater Sankt Gallen mit Verdis „Aida“ zur Eröffnung der St. Galler Festspiele.

Viele Jahre gab es zu den Sankt Galler Festspielen eine Opernaufführung im Klosterhof vor der Fassade der Kathedrale. Heuer entschloss man sich zu einer Aufführung im Haus, jedoch mit Kulinarik und Musik am Vorplatz. Umso mehr beeindruckte Ben Baurs Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper „Aida“, denn sie zog einem in tiefe menschliche und mythologische Welten und hob Zeit und Raum auf. In dieser Dreiecksgeschichte, die von der heimlichen Liebe zwischen dem ägyptischen Feldherrn Radames und der äthiopischen Königstochter Aida in kriegerischen Zeiten erzählt, legt Regisseur Ben Baur das Augenmerk auf die Pharaonentochter Amneris, die Radames ebenfalls liebt und rechtmäßig heiraten soll. Während Aida und Radames für ihre Liebe sterben, bleibt Amneris, die Radames dem Tod ausgeliefert hat, am Leben und muss mir ihrer Schuld fertig werden. Sie hat das letzte Wort über dem weltentrückten Liebesduett des sterbenden Paares, und dieses Wort heißt „Pace“ – „Frieden“. Ob sie diesen Frieden als die alte Frau findet, die durch die Szenen irrlichtert, aber auch wie sie mit ihren Kindheitstraumen fertig wird, wo sie als kleines Mädchen zum Tempeldienst gezwungen wird, bleibt wie vieles in dieser wunderbaren Inszenierung der Vorstellungkraft der Zuseher überlassen, und das ist gut so. So, wie durch die mehrfache Verkörperung der Amneris die Zeit gerafft wird, so geschieht es auch der mit dem Raum. Ben Baur lässt die gesamte Handlung in einem unterirdischen Sakralraum ablaufen, der sich rückblickend als das Grab von Radames und Aida deuten lässt. Nur gelegentlich wird durch einen Vorhang die Handlung auf der Vorderbühne fokussiert. Denn in dieser Inszenierung sind es weniger die Massentableaus, die man von den Arena-Aufführungen der Oper „Aida“ im Hinterkopf hat, sondern die intimen Szenen zwischen Aida und Radames, Amneris und Aidas von den Ägyptern gefangenen Vater Amonasro. Viel wäre noch zu erzählen von all den faszinierenden und tiefen Bildern dieser Inszenierung, doch ebenso gelungen wie diese ist die musikalische Seite, und da standen im Mittelpunkt die großartigen Sänger. Makellos, innig und berührend gestaltete Amber R. Monroe die Titelpartie, kraftvoll auftrumpfend, aber auch beeindruckend farbenreich war die Amneris von Libby Sokolowski – kaum zu glauben, dass diese Mezzosopranistin, der man eine große Karriere im dramatischen Fach voraussagt, vor wenigen Jahren als lyrischer Sopran mit Mozarts Pamina in Sankt Gallen auftrat. Abgesehen von seiner wohl Nervositätsbedingt nicht wirklich gelungenen Auftrittsarie „Celeste Aida“ konnte auch Marcelo Puente als Radames beeindrucken. Neben weiteren gut besetzten Partien faszinierte der Chor, der vor allem die Tempelgesänge wunderbar feierlich vortrug. Kleines Detail am Rande: Verdi nahm für diese die ambrosianischen Hymnen, die in Mailand heute noch gesungen werden, zum Vorbild. Ein großes Lob sei viel zu spät dem farbenreichen Orchester gespendet. Dirigent Modestas Pitrenas wurde vom Publikum mit Standing Ovations gefeiert, denn nach acht Jahren verlässt der allseits beliebte Litauer seine Funktion als Konzert-und Opernchef in Sankt Gallen.

 

 

Meine persönlichen Aida-Erlebnisse

Mit Verdis Aida habe ich in meiner Zeit als aktive Sängerin nicht zu tun gehabt, weder habe ich eine der Arien studiert noch war sie am Spielplan in meiner Zeit als Choristin am Landestheater Salzburg. Auch habe ich keine Erinnerung, sie jemals in einer Aufführung erlebt zu haben. Schließlich gab es im Februar 1998 in Zürich eine Neuproduktion der Aida in der Regie von Johannes Schaaf und dem Dirigat von Nikolaus Harnoncourt: Weder Inszenierung noch Dirigat waren gelungen. Harnoncourt erhielt nach dem ersten Akt Buh-Rufe, und irgendwann, so erzählte mir ein Orchestermusiker, hörte er für kurze Zeit einfach auf zu dirigieren und das Orchester musste allein spielen. Der Sänger Georg Nigl, der in dieser Produktion nicht dabei war, aber Harnoncourt sehr verbunden war, erzählte mir später, dass NH nicht zuletzt aus folgendem Grund so enttäuscht war. Mit dem Tenor Vincenzo La Scola war vereinbart, die Arie „Celeste Aida“ ohne das hohe c, das nicht original von Verdi ist, zu singen. Bis in die Generalprobe hat der Sänger diese Anweisung brav befolgt, bei der Premiere aber sang er das „c“. Ich finde das irgendwie verständlich.

Mit den Wiener Philharmonikern und einem teils anderen Sängerensemble, jedoch wieder mit Vincenzo la Scola, nahm NH dann im Studio im Jahr 2001 die Aida auf CD auf. Nun beginnt meine persönliche Geschichte mit dieser Oper. Ich hatte gerade eine Gesangsschülerin bei mir, und meiner ganzen Familie war streng untersagt, mich beim Gesangsunterricht zu stören. Dennoch klopfte mein Mann an der Türe und teilte mir mit, dass die Firma Teldec mich sofort und dringendst sprechen müsse. Ich erfuhr, dass ich binnen vier Tagen einen Text für das Booklet dieser Aida-CD schreiben sollte, denn in den nächsten Tagen würde das Teldec-Büro in Europa aufgelöst werden und zuvor müsse die CD noch fertig sein.

Ich darf anfügen, dass ich ein paar Jahre zuvor für Teldec und Harnoncourt schon das Booklet für Beethovens Fidelio geschrieben habe (auch auf meinem Blog zu finden).

Warum dies Eile? Eine Mitarbeiterin der Teldec, die ich gut kannte, erzählte mir, dass das Booklet eigentlich fertig war, mit einem ausführlichen Text eines englischen Musikwissenschaftlers. Dieser Text stellte die Aida in die Nähe der Werke Wagners, was NH so garnicht gut fand – er sei entsetzt über den Text gewesen und soll gesagt haben „Lassen Sie das der Frau Mika schreiben, die weiß, was ich will.“

Wie geschildert, ich kannte Verdis Aida nicht besonders gut. Eine CD davon gab es in ganz Vorarlberg nicht zu kaufen und in keiner Bibliothek. Glücklicherweise hatte ich Nachbarn, die mir eine Langspielplatten-Gesamtaufnahme leihen konnten – die Möglichkeiten des Internets waren damals noch nicht so entwickelt wie heute. Bald kam ich aber zu dem Schluss, dass es mir nicht möglich war, Aida aus der Sicht NH darzustellen, ohne mit ihm geredet zu heben. Er war damals gerade in Graz bei der styriarte und führte Verdis Requiem auf – sehr passend. Dass ich nach Graz reisen würde, kam durch das Zeitkorsett nicht in Frage. Also Telefon. Nun weiß man aber, dass NH nicht telefoniert. In diesem Falle aber tat er es doch – mit mir!!!!! Zwanzig Minuten lang hat er mir am Telefon meine Fragen beantwortet, sehr freundlich, und hat sich bedankt, dass ich „das mache“. Nun konnte ich den Text schreiben, rechtzeitig und selbstverständlich gegengelesen von Nikolaus und Alice Harnoncourt. Die CD ist sehr schön geworden und ist bei der Kritik wesentlich besser aufgenommen worden als die Zürcher Produktion.

 

 

 

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