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Salzburger Festspiele: Saint François d’Assise – ein Mysterienspiel

Schon einmal habe ich die Oper Saint François d’Assise von Olivier Messiaen erlebt. Für die damalige Aufführung bin ich eigens nach Amsterdam gereist. Ich war von der Musik, dirigiert von Ingo Metzmacher, sehr beeindruckt, weniger aber von der Regie von Philippe Audi. Sehr gefreut hat mich aber, unseren lieben Freund Rodney Gilfry als Franziskus zu erleben. Als ich las, dass in Salzburg eine Aufführung der Oper in der Regie von Romeo Castellucci geplant ist, wusste ich, dass ich diese erleben musste, koste es, was es wolle. Mein Mann Bernhard war dabei und ebenso wie ich auf das Äußerste beeindruckt.

So, wie es kaum anders denkbar ist, dass Olivier Messiaen seine einzige Oper dem Heiligen Franz widmete, der wie er eine starke, vielleicht sogar radikale Religiosität lebte und der, wie der Heilige, die Vögel als Boten zwischen Himmel und Erde liebte, genauso zwingend richtig war es, den Bühnenmystiker Romeo Castellucci für die Regie dieser Neuproduktion zu verpflichten. Dass letzteres Markus Hinterhäuser zu verdanken ist, muss gesagt werden, ebenso wie es gesagt werden muss, dass seine abrupte Kündigung das Gewerke einer unfassbaren Kleingeistigkeit auf politischer Seite ist.

Ich maaße mir nicht an, mit meiner Beschreibung (das Wort Kritik verbietet sich hier) der Größe dieser Aufführung auch nur annähernd gerecht zu werden. Der Leistung etwa der groß besetzten Wiener Philharmoniker unter dem präzisen und hellwachen Dirigat von Maxime Pascal, die diese gigantische Partitur mit Klangschönheit und nie ermüdender, mediativer Atmosphäre realisieren. Oder dem Chor, der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor. Die Sängerinnen und Sänger bleiben unsichtbar, aber klingen umso faszinierender. Oder der enormen Leistung des Titeldarstellers Philippe Sly. Er steht fast die ganze Zeit auf der Bühne und erfüllt diese Figur glaubhaft und authentisch. Nie auftrumpfend, gibt auch sein weicher Bariton die Bescheidenheit des Heiligen überzeugend wieder. Philippe Sly lebt während der Proben und Aufführungen im Kapuzinerkloster in Salzburg und nimmt nach Möglichkeit teil am Leben der Brüder, um sich in den franziskanischen Geist einzufühlen.

Im Folgenden greife ich nun Momente beziehungsweise Szenen der Aufführung heraus, die mich besonders beeindruckt haben. Die Regie Romeo Castelluccis und seines Teams schafft Bilder und Szenen aus einer tiefen Verbundenheit mit unserer spirituellen und kulturellen Geschichte, psychologische Deutungen liegen ihr eher fern.

Die Begegnung mit dem Aussätzigen (Le Lépreux): Alles geschieht in einer faszinierenden Langsamkeit. Der Aussätzige ist ein ganz alter Mann, der in der Folge nackt dasteht. Franz wäscht ihn und wäscht ihn, am ganzen Körper, mit unendlicher Hingabe. Mit Wasser aus einem roten Plastikeimer, das ganz braun wird. Parallel dazu backen die Brüder Brot. An langen Tischen kneten sie den Teig, formen ihn und schieben ihn in zwei große professionelle Backöfen. Während der Szene wird das Brot fertig und duftet im ganzen Raum.

 

Mystisches Zentrum ist der zweite Akt, der zuerst Geschehnisse mit dem Engel bringt – übrigens der einzigen solistischen Frauenstimme (Lauranne Oliva). Hier wird die Musik unerhört im wahren Wortsinn, hell und sphärisch. Franz fällt in mystische Verzückung. Doch der Engel bringt die rote Farbe mit sich. Bis dahin war alles weiß, wie die Gewänder der Brüder, grau oder schwarz. Rot als Farbe des Blutes? Oder ist es das Purpur der Nobilität? Dann kommt die Vogelpredigt, die man besser als ein Gespräch des Heiligen Franz mit den Vögeln bezeichnen sollte. Am Ende des Bildes fallen tote Vögel vom Himmel. In großer Zahl, manche zucken noch auf dem Boden. Ein erschütterndes Bild dafür, dass mehrere der von Franz genannten Vögel bereits ausgestorben sind.

Fern jeglicher Legendensüßlichkeit ist auch der dritte Akt, der mit der Stigmatisierung beginnt. Franz bittet darum, die Passion Jesu Christi selbst durchzuleben. Der riesige Balken, der sich durch den Vorhang bohrt, noch ehe dieser aufgeht, mag das Kreuz suggerieren, doch für Franz kommt es anders. Eine Gruppe Schwarzgekleideter wirft ihn, stößt ihn, misshandelt ihn, bis er, dreckbeschmiert, die Wundmale empfängt. Diese Gruppe wird dann den Leichnam des toten Franz ziemlich roh hinauszerren.

Doch am Ende betreten die von Franz so geliebten Tiere die Bühne. Wie vorher schon der Wolf von Gubbio leibhaftig in Gestalt eines wunderschönen weißen Wolfshundes den Heiligen Franz begleitete, so bevölkert nun, zu den Hymnen des Chores, ein Herde Schafe die breite Bühne der Felsenreitschule Schafe können sicher weiden, sang Johann Sebastian Bach 427 Jahre nach Franziskus und 270 Jahre vor Messiaens Oper. Ein Trost nach einer unfassbar bewegenden Aufführung von sechseinhalb Stunden Dauer.

Foto Monika Rittershaus

 

 

 

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