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Robert Holl: Mit Harnoncourt konnte man immer reden

Über viele Jahre hat Robert Holl sehr viel mit Nikolaus Harnoncourt gesungen, jedoch vor allem Oratorien. Nie vergessen werde ich seinen Christus in Bachs Matthäuspassion 1994 in Wien, eine Partie, die er mehrmals mit NH gegeben hat. Dieses Gespräch hat 2008 am Rande der Schubertiade in Schwarzenberg stattgefunden – Robert Holl hat ja auch viele Liederabende gesungen und war lange Professor für Liedinterpretation an der Musikuniversität Wien, betreut heute noch Sängerinnen und Sänger. Und Robert Holl komponiert auch, vor allem Lieder.

Im folgenden Gespräch geht es vor allem über seine Zusammenarbeit mit NH in der Oper, denn wie die meisten der hier veröffentlichten Interviews diente auch dieses der Recherche zum Buch „Oper, sinnlich. Die Opernwelten des Nikolaus Harnoncourt“ von Johanna Fürstauer und mir, Anna Mika. Es ist ein Gespräch, durchaus mit Humor und im Zentrum eine köstliche Anekdote.

 

Herr Professor Holl, Sie haben ja eine große Anzahl Oratorien mit Nikolaus Harnoncourt gemacht…

 

Ja, das erste war eine Schöpfung (Haydn, Anm:)) in Den Haag 1979, später gab es davon die CD mit Edita Gruberova und Joseph Protschka.

 

..aber nur zwei Opernrollen: einmal den Robert in Schuberts „Des Teufels Lustschloss“…

 

…die Presse hat damals gesagt, diese Oper sei schon als Theaterstück so gut, denn Kotzebue war ja ein Theaterschreiber. Die Musik ist herrlich, unglaublich kühn. Bei der Ouvertüre weiß man zuerst länger nicht, in welcher Tonart das Stück steht. Wir waren alle begeistert von der Aufführung in Zürich, eine gute Inszenierung vom Marc Arturo Marelli. Die Rolle war wunderbar, so ein versoffener Typ, typisch österreichisch, und dann hieß er Robert auch noch (lacht).

 

Ist er nicht so ganz anders als Sie, ich sehe Sie als abgeklärten philosophischen Menschen.

 

Na ja, dieser gewisse Sinn für Humor kam mir sehr entgegen. Wunderbar!

 

Fast in der Nähe Papagenos?

 

Ja richtig, ein bisschen bassiger zwar. Papageno habe ich nie gesungen, der kam mit nie unter, nur das Duett mit Pamina mal.

Nun also, Lustschloss war in Zürich ein riesiger Erfolg, dann ging es an das Theater an der Wien, und dort konnte man die ganz erste Szene nicht spielen, weil die Bühne zu eng, zu klein war. Und das haben sie erst am Tag der Aufführung entdeckt. Und was in Zürich ein Erfolg war, wurde in Wien eine Pleite. Verrissen von der Wiener Presse, die zuvor geschrieben hatten, „Man muss nach Zürich fahren, um einen richtigen Schubert zu erleben“.

 

Wie war die Arbeit mit Regisseur Marelli?

 

Wunderbar, er hat sich hineingekniet, hat eine richtige Zauberoper auf die Bühne gebracht mit guter Personenführung. Wir haben alle sehr viel gelernt.

Wie Nestroy oder Raimund.

„Was kümmert mich ein sumpfig Land, was kümmert mich das Wetter“, hieß mein zweites Lied. Da habe ich gleich an Holland gedacht (lacht). Da musste ich dann spazieren, aber spazierend auf dem Platz bleiben. Als Tänzer würde man das besser können als als Sänger.

 

Wie war die Zusammenarbeit zwischen Marelli und Harnoncourt, sie haben ja nie mehr zusammen gearbeitet?

 

Das betrachte ich als einen Zufall, denn sie haben sich sehr gut verstanden.

Marelli hat mich dann für den Leporello in Hamburg gefragt, nur da kam dann schon Hans Sachs in Bayreuth, seither bin ich immer in Bayreuth.

Harnoncourt macht ja keinen Wagner…. und Wagner interessiert mich auf der Bühne am meisten. Schon während meiner Studienzeit hat mein damaliger Lehrer mit mir Wagner gearbeitet. denn er war zuvor Repetitor in Bayreuth. Dann bei Hans Hotter (Später Lehrer und Mentor Holls, Anm.) natürlich auch.

 

Und dann war noch Bartolo im Zürcher „Figaro“ mit Flimm.

 

Eine so schöne Inszenierung mit Flimm! Das war sehr lustig mit ihm. Und da wurde ja nichts gestrichen, sogar die Eselsarie vom Basilio gab es. Und dann habe ich zu Flimm gesagt: „was soll ich denn während dieser ganzen Arie tun, da kann ich mir ja gleich eine Zigarre anzünden, so lang ist die. Und zu singen hab ich hernach eh nichts mehr.“ Das fand er eine gute Idee und so habe ich während der Arie eine Zigarre geraucht.

Ich rauche nie, wenn ich singen muss. Pereira hat das argwöhnisch von der Seite betrachtet.

 

Und dann gab es als CD Einspielung den „Commetatore“, in Holland (Mozarts Don Giovanni)

 

Nur die Aufnahme, keine Bühnenproduktion.

Mit Harnoncourt hab ich zuletzt eine Schöpfung in Salzburg gemacht, doch die Presse hat gemeint, ich wäre eine fremde Ente in diesem Teich, weil ich ja jetzt Wagner singe, da ist man ja gleich abgestempelt. Aber ich singe nach wie vor meinen Bach.

Nächstes Jahr singe ich mit NH „Stimme des Herrn“ in Wien, seit 2002 wieder mal. (Franz Schmidt:  Das Buch mit sieben Siegeln, Anm.)

 

Sagen Sie uns etwas über Harnoncourts spezielle Art zu arbeiten?

 

Er hat eine glaubliche Art zu proben, Die Sänger können von ihm lernen, Rezitative zu singen, der Vortrag, die Phrasierung. Er ist eigentlich ein großer Lehrer.

 

Er arbeitet also jeden Ton mit einem?

 

Ja, aber bei der Aufführung lässt er Einen frei, und das ist notwendig. Sonst geht die Inspiration des Augenblicks verloren. Man muss sich öffnen für die Stimmung, für all das. Das bewirkt er, und das ist sehr schön.

Man kann auch immer mit Atem, mit Tempi mit ihm reden, er ist ja selbst ein großer Musiker. Da war Karl Richter ganz anders, mit dem konnte man nie diskutieren.

Ich habe immer sehr gerne mit Harnoncourt gearbeitet. Damals 1979, musste ich mich gewöhnen an seine Art von Einsätzen, dieser Atemstoß und diese Bewegung nach vorne. Später bekam er – wohl dadurch – erhebliche Rückenprobleme. Jetzt atmet er mit dem Sänger ein, früher war das nicht so deutlich.

 

Und seine Schlagtechnik?

 

Ja das ist schon optisch erkennbar. Beim Neujahrskonzert beispielsweise, da hat er fast eine fanatische Art, mit den Augen und mit den Fingern herumzustechen – bei dieser Musik wohlgemerkt. Andere machen das so elegant, etwa Carlos Kleiber. Aber da ist jeder Dirigent anders.

Ich habe NH noch die mit Taktstock gesehen, ich habe zwischen 1979 und 2002 sehr viel mit ihm gesungen. In dieser Zeit hat er seine Art zu Dirigieren sehr entwickelt, er ist deutlicher geworden in der Ökonomie einer Mittel: Er hat gelernt und wir haben gelernt. Je länger man zusammen arbeitet, desto mehr versteht man sich.

Bei NH ist nie eine Aufführung wie die andere, es gibt viele spontane Sachen, ein gutes Zeichen!

Reich-Ranitzki hat einmal mit NH ein Interview gemacht, da hat er gesagt: „Sie müssen die Meistersinger dirigieren.“ Da hat NH gesagt: „wenn, dann als komische Oper.“ Das wäre doch was! Hans Sachs ist meine Lieblingsrolle, aber danach kommt gleich der Robert im „Lustschloss“. Dieser Säufer ist mir so menschlich, und was er sagt ist so witzig. Im Theater an der Wien, da ging ja Vieles technisch nicht. Und da war ich in diesen unterirdischen Verließen und habe auf eine Mauer geschlagen und die hat gewackelt. Meine Textstelle war dann: „diese Mauern müssen 200 Jahre als sein“, und dazu hab ich noch extemporiert: „Wackelt aber steht!“ NH hat im Orchester schallend gelacht. Eine Ausnahme, denn er zeigt sonst nicht viel Humor, ist immer sehr ernst.

Beispielsweise: In Graz sang ich im Dom Johannespassion, den Christus. Ich dachte, der Dom sei die schöne Kirche in der Hauptstraße, kommt dort hin, aber da war nichts. Ich frage, wo der Dom ist, gehe hin, schlich mich von hinten hinein. Sie haben schon begonnen mit der Generalprobe. Und ich höre: „Da fragete er sie abermals“, …..“wen suchet ihr?“… ich kam also genau richtig.

Da sagt NH: „ja wo waren Sie denn?“ – Ich antwortete: „Ich war in der falschen Kirche.“ Alle haben gelacht, aber er war nur entgeistert.

 

Christus „in der falschen Kirche“…ein besonderer Gedanke!“

 

Wir haben in Amsterdam an die zehn Jahre Passionen mit ihm gemacht. Concertgebouw ist dafür ein herrlicher Saal.

Ganz speziell ist seine Auffassung der Schöpfung von Haydn. Er sagt, dass die Engel da die begeisterten Zuschauer sind von dem, was der Gott da alles macht. Was passiert jetzt, und jetzt?!! Weg von diesem Pastosen. Ganz klar im Mittelpunkt die Begeisterung.

Nikolaus Harnoncourt denkt nach über die Sachen, es gibt keine Routine, man lernt so viel von ihm. Auch beim Liedgesang muss alles ja aus dem Moment heraus kommen, immer neu entstehen. Das ist für ich das Wichtigste. (Holl gab am nächsten Tag nach diesem Gespräch einen Schubert-Liederabend in Schwarzenberg)

Man muss die Fantasie anregen. Wir haben vom Komponisten nur die Noten, doch wir müssen fragen, was steckt dahinter?

 

Vielen Dank für das schöne Gespräch!

 

Foto: Holl als Sachs in Bayreuth (Webseite des Sängers)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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