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Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele mit Karina Canellakis

Zweihundert Jahre symphonische Agitation

 

 

Die Gegensätze könnten nicht größer sein: einerseits zwischen der Symphonie „Alle Tage“ des 1963 geborenen Thomas Larcher, anderseits zwischen Beethovens Fünfter Symphonie, uraufgeführt 1808. Und dennoch gibt es auch zahlreicht Verbindungen zwischen diesen Werken. Beide erklangen sie beim dritten Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele, gespielt von den Wiener Symphonikern unter Karina Canellakis.

Mit der Aufführung der „Fünften“ Beethovens ehrten die Bregenzer Festspiele den Dirigenten Karl Böhm, der dieses Werk im Jahr 1955 mit den Wiener Symphoniker hier aufführte. Und in den Reihen der Celli saß damals ziemlich sicher der Dirigent, dem Karina Canellakis ihr Europa-Debut verdankt. Gemeint ist Nikolaus Harnoncourt, für den sie bei der styriarte 2015 kurzfristig mit Dvořák einsprang und dann gleich noch zwei Beethoven-Abende mit dem Concentus Musicus Wien anschloss. Zu sehen auf https://vimeo.com/132098538 ist ein kleiner Film über einen Besuch von Frau Canellakis bei Nikolaus Harnoncourt und seiner Frau Alice. Wie Canellakis in Bregenz nun erneut bewies, war sie dieser Nachfolge würdig. Sie dirigiert technisch blitzsauber und stellt mit ihren Gesten Energieverläufe dar, wenn sie etwa die Länge ausgehalter Töne vorzeichnet oder sich ihre zierliche Erscheinung mit großer Macht aufbäumt. Die Wiener Symphoniker folgen ihr gerne, und so gelingt eine ereignishafte Interpretation: mit größter Verve vorwärtsdrängend, aber auch ungemein behutsam oder gesanglich. Dass diese Symphonie von einer Agitation der Massen erzählt, darin sind sich Musikologen inzwischen einig. Und auch Thomas Larchers Symphonie „Alle Tage“ erzählt in Klängen und den Worten Ingeborg Bachmanns vom Krieg, der „nicht mehr erklärt“ wird, „sondern fortgesetzt“ – etwas vom Gemeinsamen zwischen den Werken Beethovens und Larchers.. Letzterer fordert ein üppiges Instrumentarium, Schlagwerk, Akkordeon, Klavier und Celesta unterstreichen die mächtigen Steigerungen, an den zurückgenommenen Stellen der Komposition steuern sie besondere Klangfarben bei. Während Beethovens Symphonie ein einziger großer Steigerungsbogen ist – und es ist das große Verdienst dieser Interpretation von Karina Canellakis und den Wiener Symphonikern, dies toll herausgearbeitet zu haben, ist Thomas Larchers Symphonie „Alle Tage“ ein stets wechselnder Bilderbogen, Ja, eine Dame im Publikum verglich sie sehr passend mit einem Comic. Von den sieben Sätzen des Werks sind vier mit Baritonstimme. Benjamin Appl hat trotz Indisposition gesungen und so dem Publikum die Begegnung mit einem großartigen Werk ermöglicht – ein Ersatz wäre kaum zu finden gewesen. Nach dieser Begegnung mit Larchers Kompositionsweise ist die Vorfreude auf seinen Opernerstling „Das Jagdgewehr“, der nächste Woche bei den Bregenzer Festspielen zu Uraufführung gelangt, groß.

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