Da gibt es Klagen, dass nahezu ein Drittel der Hauptschulabgänger nicht sinnerfassend lesen können, und dann gibt es Jugendliche, die Leistungen zum Niederknien vollbringen. Zum Beispiel der Jugendchor “Voices” bei seinem Konzert im Montforthaus Feldkirch, betitelt “Pure voices”.

Den Titel „Pure Voices“ kann man einerseits übersetzen mit „Klare Stimmen“, andererseits mit „ausschließlich Stimmen“. Beides ist richtig, denn der Vorarlberger Landesjugendchor „Voices“ sang bei seinen Konzerten am Sonntag sowie Montag, dem Nationalfeiertag Acapella, also völlig ohne jegliche instrumentale Unterstützung. Eine an sich schon großartige Leistung, denn das erfordert eine äußerst sichere Stimmführung und Intonation. „Klare Stimmen“ also hörte das Publikum tatsächlich im zweimal vollen Montforthaus von den über hundert Sängerinnen und Sängern, die sich vor den Konzerten zu projektbezogenen Arbeitsphasen treffen – nicht wenige von ihnen studieren ja auswärts. Seit 2024 leitet Jakob Peböck, Jahrgang 1993, den Chor, in dem er selbst einmal gesungen hat. Ein „Primus inter pares“ also, und das drückt er aus, indem er sich, um den Beifall nach jedem Stück entgegenzunehmen, an die Seite der Choristen stellt. Oder indem er sich völlig zurückzieht, was besonders beeindruckt bei einem Gesang des lettischen Komponisten Ēriks Ešenvalds mit dem Titel „Only in sleep“. Das sitzen alle Sängerinnen und Sänger wie zufällig verteilt auf dem Boden der Bühne im Halbdunkel und intonieren auch ohne Dirigenten unglaublich präzise. Welches Maß an Einfühlungsvermögen und Intuition hierfür nötig ist, kann man nicht hoch genug schätzen. Überhaupt sind diese jungen Damen und Herren großartig, wenn sie in den verschiedensten Sprachen singen, auch etwa schwedisch, bündnerisch oder gälisch, und fast alles auswendig. Oder wenn sie, wie die Frauenstimmen, ein bulgarisches Volkslied in der typischen, offenen Stimmgebung intonieren. Chorleiter Jacob Peböck fordert zudem eine beeindruckende dynamische Bandbreite. Zarteste, wie aus dem Nichts kommende Piani gibt es, und dann wieder einen vollen, wunderbaren satten Chorklang. So vielschichtig wie der Musikgeschmack der heutigen Jugend ist das Repertoire von „Voices“. Ohne jegliche Berührungsängste switchen sie zwischen geistlichen Gesängen, etwa von Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen“ über Traditionals aus verschiedenen Ländern bis hin zu Pop-Arrangements. Zu danken ist den beiden Moderatoren für ihre Ansagen, jedoch hätte so mancher im Publikum auch gern ein Programmheft in Händen gehabt. Das ist aber schon der einzige Wermutstropfen in diesem fantastischen Konzertabend, der vom Publikum begeistert bejubelt wurde und mit zwei Zugaben endete.
Foto Webseite des Chors
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