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Bach mit uns

Bach mit uns

Von der Aufführung von Bachs h-Moll Messe durch die Chorakademie Voralberg unter Markus Landerer, von einem Konzert in Ostdeutschland im Zeichen Robert Schneiders und von der Kraft der Musik.

Eigentlich habe ich die Hohe Messe in h-Moll von Johann Sebastian Bach für ein sprödes Werk gehalten. Ich liebe und schätze die Musik Bachs über alles, habe mich intensiv auseinandergesetzt, auch in Kursen und Vorträgen, die ich selbst gehalten habe, mit den großen oratorischen Werken wie dem Weihnachtsoratorium, der Johannespassion und vor allem der Matthäuspassion. Ich weiß um die reiche Symbolsprache in diesen Werken und auch in der Hohen Messe, und ich habe letztere in wirklich herausragenden Interpretationen gehört. Zum ersten Mal war das noch in München mit Karl Richter und dem Münchner Bachchor und – Orchester, damals, etwa 1970, das weltberühmte Nonplusultra in Sachen Bach, wo ich mich vor allem an das Benedictus erinnere, das Tenor Ernst Häfliger so eindrucksvoll gesungen hat, aber das große Ganze fand ich eher anstrengend. Dann erinnere mich, die Messe erlebt zu haben vor etwa zehn Jahren im Wiener Musikverein. Ein lieber Freund an meiner Seite, vorher im Foyer ein nettes Gespräch mit dem im Publikum anwesenden Thomas Hengelbrock und am Pult der von mir hochgeschätzte geschätzte Nikolaus Harnoncourt – die Voraussetzungen hätten besser nicht sein können. Doch wirklich berührt hat mich selbst dieser Abend nicht. Das geschah erst vorgestern, am Sonntagvormittag, als die Chorakademie Vorarlberg die Hohe Messe in h-Moll sang. Der Besuch war meinerseits mit wenig Erwartungen garniert, im Gegenteil hatte ich es die Tage vorher sehr streng und hätte lieber einen geruhsamen Sonntagvormittag zu Hause verbracht.

Markus Landerer, Domkapellmeister zu Sankt Stephan in Wien

Umso mehr traf es mich, dass diese Aufführung zu einem meiner stärksten Musikerlebnisse seit langem wurde. War es der unglaubliche Idealismus, aber auch die Qualität, die die Sängerinnen und Sänger des Chores an den Tag legten? War es das Engagement des Orchesters, das, vor allem zu Beginn, nicht einmal sonderlich perfekt, aber mit spürbaren Herzblut spielte – es war das Barockorchester Concerto Stella Matutina oder die Soli, die ich, freilich nicht uneingeschränkt, als sehr berührend empfand – Miriam Feuersinger, Sopran, Ida Aldrian, Alt, Daniel Johannsen, Tenor und Daniel Ochoa, Bass?. Oder waren es die Aphorismen von Robert Schneider, der die für viele Menschen heute gar nicht mehr präsenten lateinischen Messtexte ins Heutige und Persönliche holten? Vielleicht ist es müßig, solcherart zu fragen, denn essentiell war, dass eine Energie geschaffen und über die zwei Stunden der Aufführung gehalten wurde, die schier unglaublich war und die Publikum; Musikerinnen, Musiker, Sängerinnen und Sänger vereinte und mitnahm in eine eigene, andere Welt – ja tatsächlich. Viele halten die Musik Bachs für göttlich, hier konnte man es ahnen.

Die Wenzelskirche in Naumburg

Die Liste der von mir gehörten Aufführungen von Bachs h-Moll Messe muss ich noch ergänzen. Es war im Jahre 2013 in Naumburg, wo wir Station machten auf einer Reise nach Berlin und an die Ostsee. Gerade Naumburg wollte ich kennenlernen, denn dort spielt eines meiner Lieblingsbücher, Robert Schneiders Die Offenbarung, außerdem hat unsere Tochter Aglaia Maria einmal auf dem nahen Schloss Neuenburg gesungen. Wir hatten ein Hotel reserviert, das zufällig neben der Wenzelskirche lag, in der zentrale Teile des Romans spielten und in der tatsächlich Johann Sebastian Bach, wenn auch nur kurz, wirkte. Als wir ankamen, sahen wir auf dem Platz vor der Kirche Menschen in schwarzer Abendkleidung – ein Konzert stand kurz vor seinem Beginn. Orgelmusik von Bach und Auszüge aus seiner h-Moll Messe sollten erklingen. Wir dachten, nach der langen Anreise wollten wir doch lieber ausspannen und was Gutes essen. Doch als durch die Fenster des Hotels die Musik hereindrang, konnte ich mich nicht mehr halten und ich bat meinen Mann, dass wir doch das Konzert besuchen. Es war äußerst eindrucksvoll, wir haben es keinen Moment bereut, hineingegangen zu sein. Und wir fanden danach noch ein Restaurant, wo wir endlich essen konnten. Auch daran musste ich denken, als ich gestern während des Konzertes der Chorakademie Vorarlberg Robert Schneider mit seinem Texten erlebte – und wie sich doch immer wieder im Leben ein Kreis schließt.

 

 

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