Musikalisch überzeugend, szenisch aber mäßig gelungen präsentiert sich die neue Bregenzer Seebühnenproduktion, Giuseppe Verdis „La traviata“.
Achtzig Jahre ihres Bestehens feiern die Bregenzer Festspiele in diesem Jahr: Aus einem Provisorium auf zwei Kieskähnen hat sich die weltweit größte Seebühne entwickelt, die Opern auf höchstem Niveau für ein breites Publikum anbietet. Das Bühnenbild, besser gesagt die Bühnenskulptur, ist lange vor der Premiere allgemein sichtbar. Aktuell, bei Giuseppe Verdis La traviata, ist es ein zerbrochener Spiegel, Symbol für das Leben der Violetta Valéry. Als Kurtisane gibt sie sich reichen Männern der Pariser Gesellschaft hin, sehnt sich jedoch nach einem anderen Leben. Als Alfredo Germont ihr seine Liebe gesteht, zieht sie mit ihm aufs Land. Die Idylle währt nicht lange. Alfredos Vater torpediert die Beziehung der Familienehre wegen, zudem leidet Violetta an einer todbringenden Krankheit. Eine sehr intime Geschichte, doch mit Geschick kann man dergleichen auch auf die riesige Seebühne bringen, wie man in der Vergangenheit erlebt hat, vor allem durch die wunderbare Madame Butterfly, inszeniert von Andreas Homoki.
Dem Regisseur Damiano Michieletto und seinem Bühnenbildner Paolo Fantin gelingt das nur zum Teil. Die Partygesellschaft der 1920er Jahre, in die sie Handlung verlegt haben, gibt Raum für Buntheit und Frivolität, dazu Witz, wenn sich Tänzerinnen und Tänzer im Wasser tummeln: Fürs erste zündet das, doch der Verlauf der Handlung wird zunehmend mühsamer. Man fragt sich, wieso die armen Protagonisten ständig knietief im Wasser waten müssen, oder warum das Liebesnest des Paares, das Alfredo als „quasi in paradiso“ bezeichnet, aus einem nahezu kahlen Raum besteht, der gerade blassrosa ausgemalt wird – dieser Raum ist ein geöffnetes Segment des Spiegels. Der „Luxus“ in dem das Paar nach Aussage Vater Germonts lebt, zeigt sich später als große Projektion von kostbaren Blumen, wie überhaupt Projektionen immer wieder einen Teil der Geschichte fortspinnen. Sie zeigen Violetta, wenn sie im Pfandhaus in ihren Schmuck versetzt oder wie sie sich zurechtmacht, um nach der Trennung von Alfredo wieder ins Partyleben einzutauchen Übrigens eine der unlogischen Stellen, die diese Oper von Haus aus hat. Man fragt sich, warum die beiden nicht einfach miteinander reden.

Als Alfredo schließlich zur sterbenden Violetta zurückkehrt und sie gemeinsam von einem neuen Leben träumen, sieht man ihr Liebesnest als Projektion, wo sich das Paar mit Malerpinseln neckt. Auf der Bregenzer Seebühne wurde schon weitaus poetischer gestorben, wenn man an beispielsweise an Verdis Maskenball denkt, wo der ermordete Gustavo auf einem mir Rosen bekränzten Boot in den dunklen See hinausfährt, oder an Verdis Aida, wo Aida und Radames, ebenfalls auf einem Boot, in den Himmel entschwinden.
Der aktuellen traviata –Inszenierung fehlt es an Fantasie und einer überhöhenden Vision. Das Publikum erlebt eine nette Bebilderung, nichts weiter. Umso dankbarer nahm es das hohe sängerische Niveau auf. Sowohl die Violetta von Marjukka Tepponen als der Alfredo von Julien Behr bestechen durch ihre farbenreichen und meisterhaft geführten Stimmen. Auch Vater Germont alias Vladimir Stoyanov überzeugt, wenn auch nicht in dem Maße. Gut besetzt sind auch die kleineren Partien. Der Prager Philharmonische Chor im Haus und der Bregenzer Festspielchor ohne Mikrophone auf der Bühne hatten bei der Premiere noch leichte Koordinationsprobleme. Ohne Tadel spielen die Wiener Symphoniker unter der Gesamtleitung von Kirill Karabits. Das Dirigat wie auch die Sänger sind mehrfach besetzt. Freundlicher Beifall, der beim Erscheinen der Hauptdarsteller merklich anschwoll.
Foto Marjukka Tepponen: Bregenzer Festspiele
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