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La Bohème und die verrückten Zwanzigerjahre

 

Sankt Gallen hat seit Samstag eine brillante Inszenierung von Puccinis La bohème im Spielplan.

 

Puccinis Oper La bohème ist ein derart bekanntes Werk, dass sich Regisseure schon etwas einfallen lassen müssen, um eine Neuproduktion interessant zu machen. Dass man dabei keineswegs übers Ziel hinausschießen muss, also eine spannende Neudeutung vorlagen kann, ohne dem Werk Gewalt anzutun, das bewiesen das Team Renaud Doucet, Regie und André Barbe, Ausstattung. Sie verlegten das 1896 in Turin uraufgeführte Werk behutsam ins Paris der 1920er Jahre, und doch wieder nicht, denn als bei der Premiere der Vorhang aufging, sah man sich dem lebhaften Treiben auf dem Flohmarkt von Paris in unserer Zeit gegenüber. Eine Straßensängerin unterhält eine Gruppe Touristen, die bald weggehen. Zurück bleibt eine einzelne junge Frau in Rosa mit Kopftuch. Ist sie ein Muslima? Nein, denn als das Tuch zu Boden gleitet, sieht man ihren kahlen Schädel: eine Krebspatientin. Sie beobachtet das Treiben der Bohemiens, das sich in einem Laden mit alten Möbeln, inzwischen Puccinis Partitur folgend, entspinnt, und sie beschließt dann, als Mimi in dieser Geschichte mitzuspielen. Die Mimi in der Oper leidet an Tuberkulose, der Krankheit, die damals so gefürchtet war wie heute der Krebs, und den Krebskranken hat das Regieteam diese Inszenierung, eine Koproduktion mit der Oper Glasgow, gewidmet. Das Bühnengeschehen entwickelt sich derart fesselnd und lebensnah, dass man zuweilen das Gefühl hat, im Kino zu sitzen. Man schmunzelt über den sarkastischen Humor der Künstler, die sich mit wenig Geld durchs Leben schlagen, über die Eskapaden Musettas, die übrigens ausschaut wie Josephine Baker, und man wird ergriffen von der Krankheit Mimis und wie ihre Freunde buchstäblich das letzte Hemd opfern, um ihr das Sterben zu erleichtern. Diese Faszination gelingt, weil sämtliche Sängerdarsteller gut aussehend und spielfreudig sind und darüber hinaus auch sängerisch die wunderbaren Melodien Puccinis zu erfüllen vermögen. Die sanfte Mimi von Sophia Brommer ist da zu nennen und die brillante Jeanine De Bique als Musetta, der gefühlvolle Rodolfo von Leonardo Capalbo oder der temperamentvolle Marcello von David Stout. De Bique und Capalbo haben übrigens bereits Erfahrung gesammelt mit dem wohl aufregendsten Operndirigenten unserer Tage, Teodor Currentzis. Doch auch in Sankt Gallen ist bei dieser Produktion ein höchst bemerkenswerter Dirigent zu Gange, der erst 25jährige Dirigent Hermes Helfricht, der durch eine ungemein differenzierte Deutung der Partitur besticht und dem das Sinfonierochester Sankt Gallen mit berückend schönen Klängen Folge leistet. Ländle-Patrioten, aber bestimmt nicht nur diese, freuen sich über die beiden stimmungsvollen Auftritte des jungen Lustenauer Akkordeonisten Raphael Brunner.

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