
Wie mehrere Musiker der jüngeren Generation kümmert sich auch der im Jahr 2000 geborene georgische Pianist Giogi Gigashvili wenig um Genregrenzen. Ob Pop, ob Klassik oder Neue Musik: er kann mit alledem etwas anfangen. Auch mit georgischen Volksliedern, die ihn schon als Jugendlicher faszinierten und von denen er eines, singend und sich selbst fantasievoll am Klavier begleitend, dem begeisterten Publikum als Zugabe gewährte, um daraufhin auch noch Scarlatti zu spielen. Auch das offizielle Programm dieses vierte Abokonzertes der stets famosen Reihe Dornbirn Klassik war unkonventionell. Klar: Kompositionen von Frauen sind in den letzten Jahren fast ein Muss geworden, aber diese in Beziehung zu setzen mit ihnen nahestehenden Männern, das hatte etwas Besonderes. Drei solcher Paare erlebte das Publikum in Dornbirn. Zuerst das Liebes- und Ehepaar Clara und Robert Schumann. Nach seiner frühen Klaviersonate in fis-Moll Opus 11 folgte Claras Geschenk zum 43. Geburtstag ihres Mannes, nämlich Variationen über ein Thema Roberts. Und gleich hier wurde einmal mehr klar, wie sehr Musik von einer engagierten Interpretation abhängt. Denn immer wieder klingen Werke von Frauen ein wenig farb- oder kraftlos. Doch unter den Händen Giorgi Gigashvilis gewann das Werk Claras Profil, blühte voller Energie auf und klang dabei stets klar und durchhörbar. Nach dem Ehepaar Schumann standen die Geschwister Fanny und Felix Mendelssohn auf dem Programm, beide Male mit „Liedern ohne Worte“, einem Genre, als dessen Erfinder man Felix ansieht, wobei diese Betitelung auch von Fanny stammen könnte. Die beiden waren eng verbunden, ja sie starben sogar kurz hintereinander in jungen Jahren. Auch hier legte Pianist Giorgi Gigashvili wunderbare Klarheit an den Tag, dazu Gesanglichkeit und Virtuosität. Nach so viel Romantik, von Interpreten und dem Publikum gleichermaßen voll ausgekostet, kam der Sprung ins Zwanzigste Jahrhundert und dort in die Sowjetunion. Dmitri Schostakowitsch und seine um dreizehn Jahre jüngere Schülerin Galina Ustwolskaja waren zeitweise ein Paar, jedoch distanzierte Galina sich bald von Dmitri nicht nur auf der Beziehungsebene, sondern machte auch kein Hehl daraus, dass sie auch seine Musik ablehnte. Gegensätzlich präsentierten sich somit auch die beiden Werke dieses Klavierabends. Dmitris Sonate in h-Moll Opus 61 war noch der herkömmlichen Form und Harmonik verpflichtet und ließ eine große Meisterschaft erkennen, vor allem im atemberaubenden Schlusssatz, wo aus einer schlichten Melodie, nur von der rechten Hand gespielt, sich ein ungeheures Tongebäude entwickelte. Ungeheuer war, in anderem Sinne, Galinas Sonate Nr.6, eine wilde Ansammlung von lauten Klustern, die dem Pianisten großen Körpereinsatz abverlangte, wo er etwa auch die Tastatur mit den Ellenbogen traktierte. Hier äußerte sich eine wütende Frau, aus ihrer Lebenssituation heraus zu Recht. „Hämmern auf dem Amboss der Wahrheit“, so kommentierte Galina selbst dieses Werk.
Giorgi Gigashvili geht demnächst auf Tournee mit seiner Landsfrau, der Geigerin Lisa Batiashvili. Dabei spielen sie nicht nur in der Carnegie Hall, sondern auch am 18. April bei den Bregenzer Meisterkonzerten.
Foto: Kelly de Geer-Classeck
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