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Anja Harteros: „wahre Herzenskunde“

Seit einigen Jahren zählen die Liederabende von Anja Harteros zu den Höhepunkten der Schubertiade Schwarzenberg. Es ist wirklich faszinierend, einen großen Opernstar so vergleichsweise nahe und vor allem in seiner Persönlichkeit viel unmittelbarer zu erleben. Der Sänger, die Sängerin stellt das Programm selbst zusammen, erarbeitet die Interpretation selbst – beides natürlich zusammen mit dem Pianisten, und er oder sie gibt sich persönlich und in Privatkleidung, nicht wie auf der Opernbühne mittels Vorgaben von Regie und Kostüm. Aktuell ist in Schwarzenberg ein kleiner Reigen von Opernstars zu erleben, den Thomas Hamspon am Sonntag eröffnete, Anja Harteros am Montag fortführte und Anne Sofie von Otter heute, Dienstagnachmittag, vollendet. Oh, und auch Marlis Petersen am Mittwoch ist zu nennen, denn die junge deutsche Sopranistin kann man getrost bereits zu den Großen rechnen.

Nun also zu Anja Harteros am Montagabend, begleitet von Wolfram Rieger. Und diesem seien gleich einmal die ersten Zeilen dieser Besprechung gewidmet, denn er nahm für sich ein durch seine Wandlungsfähigkeit. Hatte er am Sonntagabend bei Thomas Hampson durchaus kraftvoll in die Tasten gegriffen, so hörte man tags darauf bei der Sopranistin wieder die Zurückhaltung im Anschlag, die man am ehesten von ihm gewohnt ist. Dabei gebietet Anja Harteros über eine große Klangfülle, mehr als einmal begann der Saal förmlich mitzuschwingen – wunderbar und überhaupt nicht zu viel, eben hoch kultiviert wie alles an dieser Sängerin. Da ist etwa ihre fabelhafte Erscheinung, ihre noble und dabei doch unmittelbare, natürliche Wesensart, ihre Diktion, die so deutlich wie möglich ist, aber doch nie den musikalischen Fluss stört. Man versteht viel vom Text, aber mehr noch empfindet man durch Anja Harteros‘ emotionale Präsenz den Gehalt des Gesungenen. Sie weiß und sie spürt in jedem noch so kleinen Moment, was sie singt. Bei so manchem Lied wurde das besonders deutlich, etwa bei Liebestreu (Brahms/Reinick) oder Am Sonntagmorgen (Brahms/Heyse). Ein besonders Erlebnis stellten die Lieder von Schubert im ersten Teil dar. Weit ausholende, groß intonierte Phrasen bei Sehnsucht (Mayrhofer) wechselten zu zart gesponnenen Linien bei Suleika I (Marianne von Willemer) – aus diesem Lied stammt auch die Überschrift dieses Textes. Schauerlich emotionslos klang der Schluss von Der Jüngling und der Tod (Spaun), hingegen warm und liedhaft Im Frühling (Schulze). Nach dem eher kurzen Programm von nur sechzehn Lieder erwartete man einen Reigen von Zugaben, doch es gab nur eine einzige: Dein blaues Auge hält so still von Brahms nach einem Text von Klaus Groth, auch gab sie nicht, wie in Schwarzenberg üblich, nach dem Konzert Autogramme. Die besondere persönliche Situation von Frau Harteros dürfte der Grund sein.

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