Als Koproduktion mit der Oper Graz zeigt das Theater Sankt Gallen derzeit Mozarts Oper „Così fan tutte“. Dirigent ist Pietro Rizzo, der im Sommer bei „La Traviata“ in Bregenz zu erleben sein wird.
Kaum zu glauben, aber wahr. Der Plot von Mozarts „Così an tutte“ beruht auf einer Episode, die sich zu Mozarts Zeit in Wien zugetragen hat. Warum dann nicht die Handlung in unsere Zeit verlegen, dachte folgerichtig Regisseurin Barbara-David Bruesch und erzählt die Geschichte um ein Experiment in Sachen Liebe und Treue anhand von zwei Paaren, die nebeneinander in einem modernen Reihenhaus leben. Man mag an „Sex and the City“ oder „Vorstadtweiber“ denken, aber auch an Goethes „Wahlverwandtschaften“. Denn diesen Paaren ist langweilig, und darum lassen sich bald auch die Frauen auf dieses Spiel ein, das sie natürlich durchschauen. Denn sonst wäre das Ganze ja sofort ein Fall von #Me Too, die Polizei würde kommen und die Oper wäre aus – um im Heute zu bleiben.
Doch zurück zu Mozart und dem Textdichter Lorenzo da Ponte, die hier ein Planspiel der Liebe im Geist der Aufklärung entwerfen. Doch dieses Experiment mündet in einem Sturm der Gefühle, aus dem niemand unbeschadet herauskommt. Am wenigsten die tief empfindende Fiordiligi, wunderbar verkörpert und gesungen von Olivia Smith. Aber auch ihr früherer Nachbar und in der Folge Geliebter namens Ferrando hat mit seinen Gefühlen zu ringen. Brian Michael Moore ist allerdings mit den lyrischen Linien Mozarts weniger vertraut, sein Tenor drängt ins Dramatische. Im Spiel der Erotik tun sich Dorabella alias Jennifer Panana und der Ehemann ihrer Nachbarin Fiordiligi namens Guglielmo, gesungen vom Bariton Vincenzo Neri, leichter. Dieser Seitensprung „ändere doch nichts an den Gefühlen zu ihren Ehemännern“, meint die Mezzosopranistin in einem Rezitativ. Zur Untreue angestachelt werden die beiden Frauen von ihrer Haushälterin Despina, gesungen von Mack Wolz, und der infernale Einflüsterer bei den Männern ist Jonas Jud als Don Alfonso. Dass Regisseurin Barbara-David Bruesch in dieser schachbrettartigen Anordnung die Figur des Amor, getanzt von Ann-Kathrin Adam eingefügt hat, ist eher dekorativ als logisch. Das ist aber der einzige Einwand gegen diese ansonsten brillante Regie, die die Charaktere wunderbar zeichnet und, ganz im Sinne Mozarts, minutiös auf die Musik eingeht. Auch diese macht rundherum glücklich, und wir Bregenzer freuen uns, dass Pietro Rizzo, der so sensibel wie hochmusikalisch agierende Dirigent, im Sommer 2026 auf unserer Seebühne zu erleben sein. Unter seinen Händen klingt das Sinfonieorchester Sankt Gallen fein und differenziert, und der Chor des Theaters fügt sich in diese hervorragende Produktion bruchlos ein. Prädikat: Hingehen!
Bild folgt!
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